Bedingungsloses Grundeinkommen: Vertiefte Aufarbeitung
Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) wird in der wissenschaftlichen und politischen Diskussion zunehmend als potenzielles Instrument zur Förderung nachhaltiger Entwicklung betrachtet. Dieser Artikel untersucht auf Basis internationaler Forschung, inwiefern das BGE zur Erreichung ausgewählter Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen beitragen kann. Anhand empirischer Beispiele aus Finnland, Kenia, Kanada und Deutschland sowie unter Einbezug der schweizerischen Situation mit Fokus auf den Kanton Luzern wird das Potenzial des BGE in Bezug auf Armut, Ungleichheit, Geschlechtergerechtigkeit, menschenwürdige Arbeit und Klimaschutz analysiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
Das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) bezeichnet eine regelmäßige finanzielle Zahlung an alle Mitglieder einer Gesellschaft, ohne Bedürftigkeitsprüfung oder Verpflichtung zur Gegenleistung. Es zielt auf Existenzsicherung und gesellschaftliche Teilhabe ab und steht als Alternative oder Ergänzung zu bestehenden Sozialsystemen im Raum. In der Schweiz wurde 2016 über die Einführung eines BGE abgestimmt; das Anliegen wurde damals mit 76,9 % Nein-Stimmen abgelehnt. Seither haben sich jedoch die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiterentwickelt, sodass eine erneute Auseinandersetzung auch vor dem Hintergrund der Agenda 2030 der Vereinten Nationen angezeigt erscheint.
2. Theoretische Grundlagen
Das BGE basiert auf den Prinzipien universeller Absicherung, individueller Freiheit und gesellschaftlicher Kohäsion. Es gibt unterschiedliche Modelle, vom "Teilhabe-BGE" über ein "Existenzminimum-BGE" bis hin zum "transformatorischen BGE" mit dem Ziel gesellschaftlicher Systemveränderung. Gemeinsam ist allen Varianten die Idee, dass durch finanzielle Sicherheit Kreativität, Eigenverantwortung und soziale Integration gefördert werden.
Pilotprojekte wie in Finnland (2017–2018) zeigten, dass Teilnehmende trotz bedingungsloser Zahlungen nicht weniger arbeiteten, sich aber glücklicher, gesünder und weniger gestresst fühlten (kela.fi). Auch in Kanada (Dauphin, Manitoba) ergaben sich positive Effekte auf Gesundheit und Bildungsabschlüsse. In Kenia führt die NGO GiveDirectly seit Jahren breit angelegte Langzeitstudien durch (givedirectly.org).
2.1 Systemische Ausgangslage und Änderungsbedarf
Die bestehenden sozialen Sicherungssysteme in westlichen Demokratien – so auch in der Schweiz – sind historisch gewachsen und stark auf Erwerbsarbeit ausgerichtet. Wer arbeitet, ist versichert; wer nicht arbeitet, muss seinen Bedarf individuell nachweisen. Dieses System steht zunehmend unter Druck: Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt grundlegend, traditionelle Berufsbilder verschwinden, neue entstehen in unsicheren Beschäftigungsformen. Gleichzeitig nehmen psychische Belastungen, Burnouts und chronische Erkrankungen zu – ein Hinweis darauf, dass das System nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesundheitlich an seine Grenzen stösst.
Darüber hinaus zeigt sich eine tiefere strukturelle Krise: Das gegenwärtige wirtschaftliche System – wachstumsgetrieben, konsumzentriert und global ungleich – hat zentrale ökologische Belastungsgrenzen längst überschritten. Die Zerstörung von Ökosystemen, der Verlust der Biodiversität, die globale Erderwärmung sowie soziale Polarisierung sind Symptome eines ökonomischen Modells, das die Lebensgrundlagen vieler gefährdet, um kurzfristige Profite zu maximieren. Studien zeigen: Wenn alle Menschen so lebten wie in den reichsten Ländern, wären mehrere Erden nötig (Global Footprint Network).
Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage: Wie lange kann ein System fortbestehen, das seine eigenen Grundlagen untergräbt? Es bedarf neuer Denkansätze, die soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und individuelle Selbstbestimmung in den Mittelpunkt stellen – nicht als Gegensätze, sondern als sich gegenseitig stärkende Prinzipien.
Das bedingungslose Grundeinkommen ist kein Allheilmittel, aber ein möglicher systemischer Hebel. Es stellt die Frage nach dem Wert von Arbeit neu, entkoppelt finanzielle Existenzsicherung von ökonomischer Verwertbarkeit und gibt Menschen die Möglichkeit, sich frei zu engagieren – sei es in Sorgearbeit, Bildung, Umweltprojekten oder kreativen Tätigkeiten. Untersuchungen zeigen, dass ökonomische Sicherheit nachhaltiges Verhalten fördert und kollektive Verantwortung stärkt (Nature Sustainability, 2020). In dieser Perspektive ist das BGE nicht nur eine sozialpolitische Reformidee, sondern Teil eines grösseren gesellschaftlichen Umdenkens hin zu einer resilienten, gemeinwohlorientierten Zukunft.
3. Beitrag des BGE zu ausgewählten SDGs
SDG 1: Keine Armut
Ein existenzsicherndes Einkommen verhindert unmittelbare materielle Not. Studien belegen, dass Geldtransfers effektiver sind als viele administrative Hilfsprogramme (UNDP Working Paper). In der Schweiz kosten soziale Sicherungs- und Kontrollsysteme immense Summen, wobei ein Teil dieser Mittel ineffizient eingesetzt wird. Laut Rutger Bregman hätte man in den USA die Armut mit 175 Mrd. USD jährlich beenden können, während zeitgleich über 600 Mrd. USD in Militärausgaben flossen.
SDG 5: Geschlechtergleichheit
Frauen leisten überproportional viel unbezahlte Care-Arbeit. Ein BGE würde diese Arbeit aufwerten und finanzielle Unabhängigkeit ermöglichen. Damit könnten tradierte Geschlechterrollen hinterfragt und die Erwerbsbeteiligung von Frauen gefördert werden. Studien zeigen, dass BGE-Projekte besonders alleinerziehenden Müttern Stabilität bieten.
SDG 8: Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum
Das BGE kann eine neue Arbeitskultur ermöglichen, in der Menschen weniger aus Zwang und mehr aus Motivation arbeiten. Kreative, soziale und ökologische Berufe würden gestärkt. Die Angst vor Digitalisierung und Arbeitsplatzverlust könnte reduziert werden. Das Experiment in Finnland zeigte, dass sich BGE-Empfangende stärker in gemeinnützige Projekte einbrachten.
SDG 10: Weniger Ungleichheiten
Ein BGE reduziert Einkommensungleichheit, indem es eine stabile Grundsicherung für alle schafft. Es kann soziale Kohäsion stärken und das Gefühl von Teilhabe fördern. In Kombination mit progressiven Steuermodellen könnte eine gerechtere Verteilung gefördert werden.
SDG 13: Klimaschutz
Ein gesichertes Einkommen erlaubt Menschen, nachhaltigere Entscheidungen zu treffen: Etwa regional einzukaufen, weniger zu pendeln oder Zeit in Umweltengagement zu investieren. Untersuchungen weisen darauf hin, dass wirtschaftliche Unsicherheit den Fokus auf kurzfristigen Konsum verstärkt, während finanzielle Stabilität nachhaltiges Verhalten fördert (Nature Sustainability).
4. Kritische Betrachtung und Herausforderungen
Ein häufiges Gegenargument ist die Finanzierung. Modelle schlagen vor, bestehende Sozialleistungen zu bündeln und durch progressive Steuern (z. B. auf hohe Einkommen oder Umweltverbrauch) zu finanzieren. Wichtig ist dabei, dass ein BGE nicht andere soziale Leistungen ersetzt, die spezifische Bedürfnisse abdecken (z. B. Behinderung, Pflege).
Ebenfalls diskutiert wird der Einfluss auf Arbeitsanreize. Die Ergebnisse aus Finnland zeigen, dass ein BGE die Arbeitsbereitschaft nicht verringert, sondern Umorientierungen ermöglicht. In einer von Burnout und psychischer Belastung geprägten Gesellschaft könnte das BGE zudem zur psychischen Gesundheit beitragen und langfristig Kosten im Gesundheitswesen senken.
5. Bezug zur Schweiz und zum Kanton Luzern
In der Schweiz wurden bereits mehrere Studien und Initiativen zum BGE lanciert, unter anderem von "Grundeinkommen Schweiz" oder über die NGO "Mein Grundeinkommen Schweiz". In Luzern zeigen sich vermehrt zivilgesellschaftliche Akteure interessiert an partizipativen Gesellschaftsmodellen. Die Verbindung zwischen ökologischer Beratung und sozialer Resilienz wird besonders im Kontext der Klima- und Biodiversitätskrise deutlich. Die Umweltberatung Luzern engagiert sich im Spannungsfeld von Nachhaltigkeit, Bildung und Gemeinwohl – das BGE könnte hier eine Brücke schlagen.
6. Fazit und Ausblick
Das bedingungslose Grundeinkommen ist kein Allheilmittel, jedoch ein mögliches Instrument zur Unterstützung mehrerer globaler Nachhaltigkeitsziele. Seine Wirksamkeit hängt stark vom gesellschaftlichen und politischen Kontext ab. Wichtig ist eine differenzierte, wissenschaftlich gestützte Debatte – jenseits ideologischer Grabenkämpfe. Die Schweiz, mit ihrer direkten Demokratie und Innovationskultur, könnte dabei international eine Vorreiterrolle einnehmen.
Quellen (Auswahl):
- https://www.kela.fi/web/en/basic-income-experiment
- https://www.undp.org/publications/universal-basic-income-working-paper
- https://www.nature.com/articles/s41893-020-00606-1
- https://www.mdpi.com/2071-1050/14/7/4368
- https://givedirectly.org
- https://grundeinkommen.ch/
- https://mein-grundeinkommen.de/
- https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/grundeinkommen-studie-108.html
- https://www.iwkoeln.de/studien/dominik-h-enste-teuer-und-wirkungslos-selbst-fuer-beduerftige.html