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Plastik, du bist überall

Eine Problematik des Plastiks ist vielen bereits bekannt: Die Meere sind voll davon. Die Schweiz liegt nicht am Meer, und die Vermutung kann gross sein, dass wir nichts dazu beitragen würden. Wie ist die Schweizer Situation in Wirklichkeit? Und was kann jede Person selbst gegen die Plastikverschmutzung tun?
  • Abfall am Strand (Bild: unsplash)

5'000 Tonnen Plastik enden jährlich in der Schweizer Umwelt

Die EMPA publizierte im Jahr 2019 eine umfassende Studie, welche mich als Berater der Umweltberatung Luzern schockierte; obwohl ich mit der Thematik vertraut bin. Wieviel Plastik in der Schweiz verbraucht und wie viel davon in unserer Natur hinterlassen wird, berührte mich zutiefst: Von den sieben meistverwendeten Plastiken werden in der Schweiz jährlich 710'000 Tonnen verbraucht. Davon gelangen rund 0.7% in die Umwelt, was einer unglaublichen Menge von rund 5’000 Tonnen Plastik entspricht. Vergleichbar könnten jährlich 2'000 SUV’s im Acker vergraben oder 1 Million Bobby-Cars in die Natur geworfen werden. Dies ist einfach nur unfassbar.

Laut der EMPA-Studie geht der Grossteil aber in die Böden, nicht in die Gewässer. Es gelangen rund 115 Tonnen Plastik jährlich in die Gewässer. Also etwa 7'700 Fahrräder, die vergleichsweise in der Reuss versenkt werden müssten. Das würde den Bahnhof Luzern auch endlich etwas ordentlicher machen. Scherz beiseite.

Die vier Hauptsünder

Zusammengefasst sind es vier Themen, die für den hohen Plastikanteil in unserer Umwelt verantwortlich sind. Einer davon ist das Littering - das achtlose Wegwerfen von Abfall. Denken wir an die Luzerner Fasnacht mit den unzähligen Einweg-Styropor-Thermobechern, den vielen Zigarettenstummeln an der Ufschötti oder die FastFood-Verpackungen auf dem asphaltierten Grendel, so ist das gut nachvollziehbar. Zigarettenstummel machen übrigens 10% unserer gesamten Plastikverschmutzung aus!

Nach Angaben der Stadt Luzern wird versucht, die Abfälle besonders an der Fasnacht schnell zu entfernen. Leider bleibt gerade bei schlechtem Wetter viel in der Natur zurück, da der Abfall davongespült oder davongewindet wird. Notiz: Der Abfall, welcher korrekt eingesammelt werden kann, generiert auf dem Weg zum Recycling oder in die Kehrrichtverbrennungsanlagen auch Mikro- oder Makroplastik. Eine korrekte Entsorgung löst das Problem also nicht.

Ein weiterer, grosser Verursacher sind Baustellen. Rohre und Folien werden mit der Zeit brüchig oder bei Umbau- und Neubauarbeiten zerstört. Die Stücke bleiben oft in der Baugrube liegen und werden vergraben. Vor wenigen Wochen habe ich zwei Grossbaustellen in der Luzerner Innenstadt passiert. Das sich dabei zeigende Bild war desaströs: Die Fassaden wurden mit EPS (Expandiertes Polystyrol, umgangssprachlich Styropor) gedämmt. Damit die dicken Dämmplatten verputzt werden konnten, wurden sie ebengeschliffen. Während dem Schleifen entstanden Millionen kleiner Styroporkügelchen, die leichtest vom Wind davongetragen wurden. Dabei gäbe es super Dämm-Alternativen wie Holzwolle. Auch die kann verputzt werden, ist im mittleren Preissegment und ökologisch.

Viele Plastik-Partikel stammen auch aus unseren Haushalten. Kleider aus Polyester oder Zusatzstoffe wie Peelings oder Füllstoffe aus Plastik in Hygieneartikel sind da die Hauptproduzenten. Zum guten Glück können die grossen Kläranlagen der Schweizer Städte (auch diejenige Luzerns) die meisten Mikro- und Makropartikel herausfiltern. Nanopartikel jedoch nicht.

Und zu guter Letzt ein Tabu-Thema: Unser Verkehr. Leider ist der Abrieb von Reifen und Schuhen einer der grössten Mikroplastikverursachern der Schweiz. Denkt man eine Zeit darüber nach, so ist dies gut nachzuvollziehen, denn die Profile der Räder wetzen sich sichtbar ab. Der fehlende Plastik muss dann ja irgendwo hin... Bei uns fliesst es mehrheitlich über die Strassenentwässerung in die Gewässer, ungefiltert. Der Kanton Luzern verfügt nur bei enorm wenigen, stark frequentierten Strassen über eine Wasserreinigung. Der Grossteil geht also direkt in die Natur.

Hinweis: Das aktuelle Postulat 334 der Grünen Stadt Luzern fordert «Massnahmen zur Minimierung von Kunststoff in den offenen Gewässern». Ich bin gespannt, wie die Antwort des Stadtrates ausfallen wird. Wird Autofahren auf städtischem Boden bald verboten sein?

  • Seemöwe mit Plastik (Bild: pixabay)

Überwinde den inneren Schweinehund und hilf der Natur

- Kaufe möglichst wenig, was in Plastik verpackt ist oder aus Plastik besteht (Unverpacktläden Luzern: Quai 4, Gänterli, Nachschub);

- Wirf keinen Abfall auf den Boden oder in Gewässer;

- Kaufe nur Hygieneartikel aus natürlichen Rohstoffen (Naturläden Luzern: Gänterli, Bio-Shop-Viktoria, Luna Drogerie, Prima Natura, Alnatura);

- Kaufe nur Kleider aus natürlichen Rohstoffen und fairer Produktion (Bio-Baumwolle, Bio-Wolle, Leinen, Lynocell, Hanf (Läden: Glore, Früh’Ling, Die Handlung));

- Kaufe Schuhe mit Sohlen aus Naturkautschuk (Läden: Glore, Früh’Ling, Die Handlung);

- Benütze, wenn immer möglich, das Fahrrad oder den Bus anstelle des Autos;

- Dämme Dein Haus mit natürlichen Materialien wie Holz-, Schaf- oder Graswolle, Zellulosefasern, Stroh etc. (Für eine Beratung melde Dich bei umweltberatung-luzern.ch oder 041 412 32 32).


Schockierende Tatsache

Als ich dem Film «microplastic Madness» sah und ich die Fakten durch weitere Quellen bestätigen lassen konnte, wurde mir die Tragweite der Plastikverunreinigung bewusst. Plastik ist überall! Wir nehmen tagtäglich Plastik in uns auf, und wir können es nicht verhindern. Plastik ist nicht nur in Gewässern oder in den Böden, sondern konnte auch als Nanopartikel in der Luft nachgewiesen werden. Welche Auswirkungen es auf uns und die Natur hat, kann noch nicht abschliessend gesagt werden. Ich gehe aber davon aus, dass das Einatmen von Plastik nicht gerade den gleichen, gesunden Effekt wie das Einatmen von frischer Waldluft hat. 


Wie schadet der Plastik der Natur und den Menschen?

Was viele nicht wissen: Wir schädigen uns mit der Plastikverschmutzung in mehreren Ebenen selbst:

1. Natürlich wird das Ökosystem gestört, wenn weiterhin so viele Tiere verenden. Wir selbst sind auf ein intaktes Ökosystem angewiesen, da ansonsten Ernten ausfallen oder sogar Umweltkatastrophen entstehen können.

2. Zersetzt sich der Plastik im Meer in kleinste Partikel, so kann er ausserordentlich viele Giftstoffe absorbieren. Diese Giftkeulen werden wiederum von Kleinstorganismen wie Plankton verschlungen, da es die Partikel fälschlicherweise als Nahrung interpretiert. Das Plankton ist auf dem Speiseplan von grösseren Lebewesen wie Shrimps oder Fischen. Das bedeutet, dass sich auch die grösseren Lebewesen von diesem Giftcocktail ernähren. Am Ende ernähren wir uns von den vergifteten Shrimps oder Fischen... Übrigens: Zwischenzeitlich kann in allen Mägen von Meeresfischen Plastik nachgewiesen werden.

3. Plastik ist zum Grossteil aus Erdöl. Verbranntes Erdöl wiederum heizt unseren Planeten auf: Erdöl entstand aus Sonnenenergie, welche über Jahrmillionen in der Erde über Sedimente gespeichert wurde. Wir schaffen es, innert zwei oder drei Jahrhunderte die gesamte gespeicherte Energie der vergangenen Millionen von Jahren aus dem Boden zu fördern und freizusetzen. Das heizt uns mächtig ein, wie uns der diesjährige flaue Winter und der viel zu trockene und zu warme Frühling einmal mehr in Rekordhöhe schönstens präsentieren.

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Zuletzt geändert 
23 Apr 2020 - 14:01

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